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24. August 2007

Nachbetrachtungen

Nach dem konzisen Matchbericht im letzten Blog, hier eine etwas differenzierte Nachbetrachtung zum historischen Sieg der Schweiz über Grossmacht Holland, der - nimmt man einige Zeitungskommentare beim Wort - weltweit für eine tektonische Plattenverschiebung sorgte.

Dass es das erste Spiel der Schweizer Nationalmannschaft war, in welchem Johann Vogel nicht vermisst wurde, war als Kompliment gedacht für Inler und Gelson, die im Mittelfeld überzeugten, und nicht als Abwertung Vogels. Zur Erinnerung: Vogel war Captain der Nationalmannschaft, Meister mit PSV, Fussballer des Jahres in Holland, schliesslich Spieler beim AC Milan, wo er in einer Saison immerhin zu 23 Einsätzen kam. Eine beachtliche Leistung für einen Alibispieler. Einen Spieler, der tatsächlich anderswo (lat. Alibi) spielte, nämlich meistens auf höchstem Niveau, während andere sogenannte Schweizer Stars, kaum im Ausland, auf der Ersatzbank verglühen.

Walter Lutz, langjähriger Chefredaktor des Sport (für die jüngeren Leser dieses Blogs: das war eine Sportfibel, die Jahrzehnte lang nicht bloss im Fussball die Koordinaten festlegte), fasst Vogels Qualitäten wie folgt zusammen: "Er kann sich nach rechts drehen, er kann sich nach links drehen." Mit anderen Worten: Er ist fähig, den Ball von allen Richtungen anzunehmen und ihn in alle Richtung weiterzuspielen, weil er sowohl den rechten als auch den linken Fuss komplementär einzusetzen weiss. Sollte man von einem Profi in der Regel erwarten können, ist in der Regel aber nicht so.

Tempi passati: Vogel ist nicht mehr dabei, doch die kollektive Begeisterung von Medien, Spieler und Trainer über die ansprechende Leistung der Schweiz gegen Holland ist doch mehr als erstaunlich. Wie hiess es noch diesen Frühling? Die Leistung an der WM 2006 sei überbewertet, die Nullnummer gegen die Ukraine gar verklärt worden. Die posttraumatische Depression sei auch Resultat dieser Verblendung. Einige Spieler gaben zu, die Bodenhaftung verloren zu haben in der künstlich erzeugten Euphorie. Droht nochmals das Gleiche? Zuschauer Alex Frei nach dem Freundschaftsspiel gegen Holland: "Hohe Schule."

Zum Unentschieden gegen Argentinien vor ein paar Monaten (bei fast irregulären Platzverhätnissen aufgrund eines Platzregens) schreibt heute der Blick: "Am 2. Juni verblüfften die Schweizer beim 1:1 gegen Argentinien erstmals die Welt." Die Welt? Und weiter: "Am Mittwoch liessen sie mit dem Erfolg gegen Holland nochmals aufhorchen."

Von Nordkorea über Burkina Faso bis Patagonien und Tasmanien, Milliarden von Menschen, die sich dieser Tage nur eines fragen: Wie nur hat die Schweiz das Wunder vollbracht?

Ich wäre konkreter: Ist die Schweiz schon Europameister?

August 24, 2007, 05:16 nachm.
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Kommentare

Schon richtig, den Erfolg über Holland nicht überzubewerten. Andererseits darf man sich ruhig über die Leistung der stark verjüngten Mannschaft freuen. Finde übrigens nicht, dass Vogel, der unumstritten seine Klasse hat, der Mannschaft gross fehlt. Wenn wir auf einer Position genügend Alternativen haben, dann im defensiven Mittelfeld (Dzemaili, Inler, Schwegler, Fernandes, Celestini). Einer aus diesem Quintett wird doch wohl bei der EM in Form sein.

Kommentiert von: Shearer | 26.08.2007 21:16:18

Hammer Blog, WdG! Gratulation. Warum schreiben deine Kollegen (vor allem beim BlICK) immer solchen Schrott? Ruf doch mal deinen alten Kumpel und neuer Sport-Chef an. Ich weiss, die Medien funktioneren nach dem Kurzzeitgedächtnis. Doch Thomas Schifferle hat im heutigen Tagi einen guten Artikel zum Spiel geschrieben. Es gibt auch noch (wenige) gute Sportjournalisten. Kann eigentlich jeder Depp (=Antifussballer und no Brain) bei einer (Tages)Zeitung als Sportjournalist eingestellt werden? Danke um eine Antwort, WdG.

Kommentiert von: Travis | 24.08.2007 19:43:06

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