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21. Juli 2007

Gürkan Sermeter: der Profi

FCZ, GC und FCB zeigten Interesse an Gürkan "Gügi" Sermeter, aber am Schluss wurde nichts aus einem Wechsel. Sermeter bleibt (vorläufig) beim FC Aarau und spielt morgen gegen YB. In Bern hatte Sermeter zwischen 2000 und 2006 sportlich vermutlich seine beste Zeit, obwohl er mit YB keinen Meistertitel gewann. Den Titel hatte er 1995 mit GC geholt, damals war er 21 Jahre alt und das Küken unter GCs Gockeln, von denen mir Kubi und Subi bis heute am sympathischsten sind, nebenbei. (Damals war für GCs Gegner das ganze Jahr Ostern, soviele Eier wie die beiden hat selten jemand im Netz versteckt, eigentlich müsste man von Lege-Hennen reden, aber Gockel ist nun mal der Fachausdruck.)
Auf eine Art ist Sermeter ein Küken geblieben, obwohl inzwischen schon 33 Jahre alt, eine Rarität wie der ostafrikanische Paradiesvogel Tingatinga, um im Bild der Gefliederten zu bleiben.
Auch nach 14-Profijahren konnte Sermeter seine Unschuld wahren, er wirkt unbeschwert, jungendlich, motiviert, auf eine angenehme Weise naiv. Er denkt, es reiche, sich mustergültig zu verhalten, Leistungen zu bringen, Skandalen aus dem Weg zu gehen, nicht zu intrigieren, keine Polemiken zu entfachen, um irgendwann bei einem grossen Klub zu landen.
Er hat eine Banklehre abgeschlossen und ist sein eigener Manager, was vielleicht der entscheidende Fehler ist. Zwar wird Fussballprofis immer wieder vorgeworfen, sie könnten nicht auf eigenen Beinen stehen und liessen sich zu sehr von ihren Managern beeinflussen oder gar manipulieren. Gügi hat einen anderen Weg gewählt, der lobenswert ist, aber rückblickend betrachtet nicht sehr vielversprechend. Als eigener Berater ist er sich selber gegenüber immer ehrlich, immer loyal, das Pokern gehört nicht zu seinen Qualitäten. Ein Makel im Fussball.
Ich kenne Gügi, seit er vom FC Wädenwill zu GC ging, 1993, und ich habe allen Respekt vor seinen Leistungen, aber bewundern tue ich ihn vor allem dafür, dass er sich nicht hat umbiegen lassen. Es ist ein Standardspruch vieler Profifussballer, bei ihm aber stimmt es: Er ist derselbe geblieben - ein einfacher Typ im besten Sinne des Wortes. Selten habe ich jemanden im bezahlten Fussball kennengelernt, der derart frei ist von jeglichen Starallüren und der derart konsequent für seinen Beruf lebt. Er schlägt nicht über die Stänge, trinkt kaum Alkohol, pudert weder seine Nase noch kifft er, ab und zu raucht er eine Zigarette nach dem Espresso. Man trifft ihn in Zürich dort, wo man ihn vor über zehn Jahren traf, in der Pizzeria La Taverna, Ecke Badenerstrasse/Martastrasse. Statussymbole sind ihm fremd, sofern man einen geleasten Kia nicht dazu zählt.
Ich habe ihn heute morgen kurz angerufen, als ich im Blick las, der FCB hätte ihn "altersbedingt" nicht unter Vertrag nehmen können (für eine vergleichbar schnäppische Ablösesumme von schätzungsweise 100'000 Franken). "Bist du zu alt?" - "So scheint es." Dummerweise beeindrucke das seine Gegner nicht, witzelte er. Einen Rentnerbonus habe er nicht. "Sie schlagen mir auf die Socken wie früher, wenn es sein muss." Zu seinen gescheiterten Transfers wollte er nichts sagen, denn am Sonntag spielt er mit Aarau gegen YB. "Das alleine interessiert mich jetzt."
Ich frage mich: Wieso werden für teures Geld immer wieder Gurken eingekauft, aber kein Gürkan? Es werden Stänkerer engagiert und vermeintliche Stars von einem Verein zum anderen verschoben als handelte es sich dabei um Jahrhunderttransfers, aber Profis wie Sermeter landen in der Provinz. Wieso? Praktisch bei jedem Tor war Gügi letztes Jahr bei Aarau mit entscheidenden Zuspielen beteiligt und selbst damals, als er mit YB ein paar herausragende Saisons hinlegte und zu den besten offensiven Mittelfeldspielern der Schweiz gehörte, war er nie ein Thema für die Nationalmannschaft.
Sicher ist: Gäbe es mehr Spieler wie Gügi, ich hätte nichts mehr zu schreiben für den Blog.
Good news are no news - diese eine Ausnahme soll genügen.

Juli 21, 2007, 06:24 nachm.
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Kommentare

lieber experte
weisst du was man von denen, die auf dem balkon sitzen und parkbussen vermelden sagen kann? - ihr gerechtigkeitssinn wäre immerhin so weit entwickelt, dass sie einen inneren zurecht bringenden tatendrang hinsichtlich wahrgenommener ungerechtigkeit in kleinen, alltäglichen dingen verspüren.
ich möchte da nur das wort -sinn- genauer anschauen - sie haben einen sinn, vielleicht überscharf - wenn ich deine sehr harten worte lese so erwuchs mir aber die frage: ob du, mein lieber 'experte' überhaupt so etwas wie ein sinn in dir inne wohnend weisst. (schweizerdeutsch: sinn = gschpüri)
ganz ehrlich, ich habe schwere bedenken, so etwas in dir fest stellen zu können.
tut mir leid, dass ich dir da auf deine tastatur klopfen muss - lese ich nochmals so etwas unverschämt, rüppelhaftes von dir - dann werde ich sie dir mittels einem bloggbeitrag geradewegs aus dem fenster schmeissen, wahrscheinlich eher an die wand knallen, weil hell kanns in deinem schreibstübli kaum sein, bei soviel dunklen und menschenunfreundlichen gedanken.
schau mal die blumen an - sie sind viel schöner als das gras und doch klagen sie nicht darüber immer auf gleicher höhe vom bauer abgefräst zu werden oder von der kuh weg gefressen im magen zu verschwinden.
wo ist der unterschied zwischen dir und einem anderen menschen, in 100jahren ist dieser mit sicherheit nicht mehr fest zu stellen. wenn du weisst was ich meine - aber wahrscheinlich willst du es nicht gerne wisssen.

Kommentiert von: hansjoggeli | 25.07.2007 11:44:00

Beppo = kleinbürgerlicher Forumspolizist aus
dem Schrebergartenmilieu. Vor dem Internetzeitalter haben Spezies wie er tagelang auf dem von Geranien (den schönsten!)geschmückten Balkon verbracht und Falschparkierer aufgespürt. Ansonsten hatten sie der Welt nicht viel mitzuteilen.

Kommentiert von: experte | 25.07.2007 08:16:53

"Man kann viel. Muss aber nicht. In diesem Sinne - gut Red Bull" >>> travis ist schon sehr gescheit - ich habe mir recht lange zeit genommen(kaffeepausenlänge, ein bisschen überzogen sogar) um die tiefe dieser sätzes zu erforschen - trotz 'Log' verstehe ich genau was beppo meint und stimme ihm gerade wegs zu. schreib weiter beppo!!!
dann zuffi
"(...)Klar, nach der längeren Verletzung war er nie mehr so gut wie vorher, aber abgeschoben wurde er aus anderen Gründen. Ein Leadertyp werden... Gügi war ein Leader bei YB."
ich verstehe das auch nicht - warum wurde er abgeschoben - zuffi - also ehrlich, wenns du's nicht mehr weisst, ich verstehe das. man vergisst einfach immer wiedermal dinge - kein problem.
ich habe gügi nie beobachtet - scheint auf grund von wdg ein aufrichtiger mensch zu sein. - kann man aufgrund seiner tiefflüge und proviznkickerei jetzt daraus eine moral gewinnen? schade für köbi und die grossen stars der nati ist es aber - gerade der strelli hätte doch ein bisschen wahre grösse neben seiner höhe gut gebrauchen können - aber eben - er hats ja dann noch rein gehauen am weekend und ist dann auf der wiese herumgelaufen wie der grosser geber der mit seiner geste zum ausdruck zu bringen schien: "hab ich's euch nicht gesagt - war ich nicht da für euch?" ich glaube er wird in jedem spiel eine reinhauen. ausser an der EM. was eigentlich vor allem etwas zeigt - ob man jetzt bei basel oder bei aarau tschutten kann - provinz ist es allenthalben. wer in diesen niederungen tore schiesst muss nicht mit so weitgeöffneten armen sich gebärden, sondern weitertschutten, duschen gehen und trainieren. solange man auf youtube keine tricks von unseren nati-stars sehen kann wirken ihre gebärden wie diejenigen der junioren mit ihren trickots von argentinien und brasilien auf denen hinten messi, ronaldo oder zidane steht. träumen ist nirgends schöner als in der prvinz - hopp nati-stras!

Kommentiert von: hansjoggeli | 24.07.2007 09:30:32

Dass Gügi zu Aarau abgeschoben wurde, hatte nun wirklich nicht nur mit seiner Leistung zu tun. Klar, nach der längeren Verletzung war er nie mehr so gut wie vorher, aber abgeschoben wurde er aus anderen Gründen. Ein Leadertyp werden... Gügi war ein Leader bei YB.

Kommentiert von: zuffi | 22.07.2007 23:02:27

Lieber Beppo
Besten Dank für deine Glückwünsche an mich. Freut mich dass ich für dich und deinen "Log" eine intellektuelle Zumutung bin. Da auch ich künftig ökologisch handeln will, kann ich leider nicht zuviel Text am Drucker ausdrucken. Leider ist mir auch nicht bekannt, wie "dumm" Kuhmist ist. Aber das weisst du bestimmt in und auswendig. Man kann viel. Muss aber nicht. In diesem Sinne - gut Red Bull.

Kommentiert von: Travis | 22.07.2007 22:46:32

Dieser Travis ist eine intellektuelle Zumutung für einen Log. Hast Du Freude am Compi? Dann schreib doch ein Bitz in Word, das kannst dann abspeichern und kopieren und ausdrucken und aufhängen. Und dümmer als Kuhmist. Ist nicht persönlich gemeint aber wahr. Schreib doch was an "Experte", der ist auch so ein Red Bull-Tiefflieger.
PS: Man kann auch nur lesen (gilt auch für mich natürlich, allerdings).

Kommentiert von: Beppo | 22.07.2007 20:53:47

Ich habe mich auch immer gefragt, was mit Gügi falsch lief. Vom Talent her hätte er mehr aus sich machen müssen. Aber eben. Doch die ganze Loberei. Naja. Das geht mir hier jetzt auch ein wenig zu weit. Bei GC ist er gescheitert. Dann in die Provinz von YB. Nati B. Weg vom grossen Druck von GC. Und dann dort einige Jahre gut gespielt. Aber als man grosses wollte bei YB. Ist Gügi zu Aarau "abgeschoben" worden. Woran liegt es? Im Fussball wie auch im Geschäftsleben muss man sich seine Positionen erkämpfen und den Mehrwert aufzeigen, immer wieder. Ein Leadertyp werden. Ja genau. Aber auch zeigen (nicht nur auf dem Platz), dass man einer ist. Eben Lobbieren! Tja. So ist es halt. Ist sicherlich eine wahre Freude bei Aarau in der tiefsten Provinz zu tschutten.

In der Nati war halt die Konkurrenz zu gross. Nicht zur Fussballerisch, sondern auch in der physischen Komponente. Mit nett allein gewinnt man heute nichts mehr. Und schon gar nicht im Fussball.

Kommentiert von: Travis | 22.07.2007 17:07:26

Ueber keinen keinen YB-Spieler habe ich mich soviel aufgeregt wie über Gürkan Sermeter, weil er manchmal den Fuss zurückgezogen hat oder wenn er in Ballbesitz bei einem vielversprechenden Gegenstoss freiwillig den Ball ins Out spedierte weil ein Gegenspieler (warum auch immer) auf dem Boden liegen blieb. Bis ich merkte, dass er ein "Barmherziger Samariter " ist und gar nicht anders kann. Heute fehlt mir kein Spieler so sehr im YB-Taem wie er. Ein, wenn auch etwas weicher,
Aesthet am Ball, ist mir alleweil lieber als all die Fussballarbeiter, deren grösster Feind der Ball ist. Ich denke noch
heute an das seinerzeitige Cup-Halbfinale in Basel. Er spielte Weltklasse bis vors Tor, dort fehlte ihm bezeichnenderweise der Killerinstinkt, trotzdem war allein sein
Auftritt den Matchbesuch wert.

Kommentiert von: experte | 22.07.2007 17:00:14

gügi spricht halt nicht in der 3 person von sich, wie ein gewisser a. frei...

Kommentiert von: | 22.07.2007 02:50:55

Vielen Dank für diese Hymne auf den Spieler, den YB unglaublich leichtfertig abgegeben hat. Eine solche Identifikationsfigur wird es lange, lange nicht mehr geben hier in Bern.

Kommentiert von: zuffi | 22.07.2007 00:19:52

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