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16. Juli 2007

Die Schlacht am Morgarten

Das schlechte Gewissen ereilte mich heute Abend im El Lokal, der Zürcher Beiz mit der höchsten Dichte an Fussballsachverstand (auch bei höchstem Promillestand). Viktor, der Captain des Lokals, reichte mir das Lokalbier, das er selber brauen lässt. "Wann schreibst du wieder?" Ich antwortete: "33 Grad heute, 31 gestern!" Mehr fiel mir als Entschuldigung nicht ein.
Ich lag übers Wochenende am See, meistens bäuchlings, und am Freitag war ich mit der Weltwoche auf Firmenwanderung am Aegerisee, wo uns ein eloquenter Herr Doktor Stüssi die Schlacht am Morgarten erklärte, was mich in Hinblick auf die Euro 2008 ganz besonders interessante, denn damals setzte das Schweizer Nationalteam die Weichen für das, was uns Köbi Kuhn für nächstes Jahr versprochen hat.
Hätte die Schweiz im November 1315 den Euro-Co-Organisator Österreich in Morgarten nicht klar geschlagen (ca. 2000: ca. 150), an einen Schweizer Europameistertitel wäre heute gar nicht zu denken. Es gäbe weder einen Co-Organisator noch eine Schweiz, sondern nur ein Team Habsburg.
Morgarten verdanken wir also die virtuelle Möglichkeit, nächstes Jahr einen Schweizer Europameister zu feiern. Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass nur das Studium der Geschichte uns das Jetzt zu erklären vermag. Von hier aus nochmals vielen herzlichen Dank, Herr Doktor Stüssi.
Aber zurück zu Viktor. Der wahre Grund für meine kurze Auszeit: Die Satire in der Fussballberichterstattung hat wenige Tage vor Beginn der neuen Meisterschaft inflationäre Züge angenommen. Auch wenn die Satire selten beabsichtigt ist, es ist trotzdem viel Satire.
Ein aktuelles Beispiel: "Wir werden in der Axpo Super League die packendste Saison aller Zeiten erleben", schreibt der Sonntagsblick heute. Der Grund: Der "Köbi-Faktor" sei 2,48-mal grösser geworden. Für die, die in der Mathe-Stunde gepennt haben, liefert der Sobli freundlicherweise die Berechnungsformel für den 'Köbi-Faktor' (Vorbemerkung der Zeitung: "Als Indikator gibts den sogenannten 'Köbi-Faktor'. Der drückt aus, wie viele Schweizer Nati-Spieler mit wie vielen Länderspielen die Liga bereichern." Alles klar? Interessant ist vor allem das Wort 'sogenannt': Offenbar handelt es sich beim 'Köbi-Faktor' um eine in der Wissenschaft ebenso relevante wie geläufige Kalkulationseinheit.).
Der Sobli rechnet vor: "Vor einem Jahr waren es insgesamt 11 Schweizer Internationale, die es zusammen auf die Erfahrung von 127 Länderspielen brachten. Nun sind es dank der Rückkehr von Streller, Huggel, Cabanas, Haas und Nati-Golie Zuberbühler bereits 17 Leistungsträger, die es zusammen auf 315 Länderspiele bringen! Oder: Der 'Köbi-Faktor' ist 2,48-mal grösser geworden." Satire?
Für die, die es immer noch nicht kapiert haben, fasst der Sobli die Forschungsergebnisse zusammen: "Die Liga hat im letzten Jahr vor der EM deutlich an Qualität gewonnen. Einerseits kamen ausländische Top-Shots wie der Ex-Basler Julio Hernan Rossi, den Aufsteiger Xamax am Donnerstag stolz präsentierte, in die Super League zurück. Andererseits sind es vor allem Schweizer Nati-Stars, die das Niveau unserer Meisterschaft merklich anheben werden."
Zum Thema "Stars" und zum Wort selbst habe ich mich schon mehrmals geäussert, scheinbar ohne Folgen. Drum hier nur diese eine Randbemerkung: Julio Hernan Rossi spielte nach seinem Wegzug von Basel zwei Jahre bei Nantes, wo er in 36 Spielen 4 Tore schoss und zuletzt in die 2. Liga abstieg. (Für meine Kollegen, ein kleiner Gratistipp an dieser Stelle: Nicht an den Fans vorbeischreiben, die sind nicht so blöd, im Ernst. Rossi war ein Top-Shot in der Schweiz, im Ausland lief es ihm schlecht, vielleicht findet er in der Schweiz wieder zu alter Form. Wieso kann man das nicht einfach so sagen?) Und wenn wir schon beim Fragen sind, zum Abschluss dies: Könnte es sein, dass Spieler wie Aegerter oder Hassli vom FCZ, die bisher vielversprechende Leistungen zeigten, oder ein Alex von St. Gallen, ein Zibung von Luzern, dass solche Spieler der Liga neue Impulse geben und nicht ausländische Top-Shots?
Schon in Morgarten, wissen wir dank Herrn Doktor Stüssi, sind die ausländischen Top-Shots mit überraschender Technik besiegt worden. Wie Büchsenöffner setzten die namenlosen Schweizer ihre neue Waffe (Hellebarden) gegen die überheblichen Stürmer des Gegners ein und kontrollierten den Favoriten aus Österreich über die ganze Distanz. In 328 Tagen beginnt - dann sicher etwas friedlicher - die EM.
Hoffentlich war die Schlacht am Morgarten aus Schweizer Sicht im Nachhinein betrachtet nicht umsonst.

Juli 16, 2007, 12:35 vorm.
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Kommentare

Die Zürcher Beiz mit der höchsten Dichte an Fussballsachverstand (auch bei höchstem Promillestand) heisst Bombay-Bar und ist hinter dem Tessinerkeller zu finden.

Kommentiert von: Marc | 16.07.2007 11:29:52

Vergleiche mit der Geschichte macht doch sonst nur der Historiker Christoph Mörgeli! Ich nehme mal an, WdG ist im Schleppau mit dem Mörgeli beim Weltwoche-Wander-Ausflug gewandert. Das inspiriert. Und der Sobli wie auch der Sport Blick haben seit Jahren bedenklich an Niveau (wobei schon dieses Wort gewagt ist) abgegeben. Jedoch die Blick Sport Bibel, Ausgabe 2007 ist herrlich. Auch das Interview mit dem Canepa und dem Stierli. Canepa ist wirklich ein Trampel und etwas gar naiv in diesem Geschäft. Liebe FCZ-Fans, ein Rückkehrer Keita wird es gemäss eurem Präsident nie geben. (Jetzt denkt ihr sicher, schade ist er jetzt nicht "über meine Leiche", also "tot". Sag niemals nie! Schon vergessen?

Kommentiert von: Travis | 16.07.2007 09:25:32

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