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28. Juni 2007

Bolivien: Blatter lenkt ein

Fifa-Präsident Sepp Blatter wird die Regel, die es verbietet, auf über 2500 Metern WM-Qualifikationsspiele auszutragen, wieder ändern. "Ich werde in den nächsten Tagen den Mitgliedern des Exekutivkomitees diesen Vorschlag unterbreiten", sagte mir Blatter heute Mittag im Anschluss an ein Gespräch mit Boliviens Präsident Evo Morales. Was soviel heisst wie: Es ist bereits entschieden. "Jedes Land in Südamerika soll das Recht haben, Länderspiele in der eigenen Hauptstadt auszutragen", sagte Blatter.
Die Anstrengung Evo Morales, der gestern Abend in Zürich gelandet war, hat sich also gelohnt. Allerdings hätte der Präsident auch in Bolivien bleiben können, streng genommen. La Paz, der Regierungssitz Boliviens, verteilt sich zwar auf einer Höhe von 3200 bis 4100 Metern, die Hauptstadt Sucre allerdings liegt auf nur 2790 Metern. Gestern hatte das Exekutivkomitee der Fifa bereits entschieden, die 2500-Meter-Grenze bis auf 3000 Metern zu erhöhen. Offenbar geht man bei der Fifa davon aus (und auch Evo Morales), dass La Paz die eigentliche Hauptstadt ist.
Walter2Wie angekündigt, konnte ich heute morgen in Schmiede-Wiedikon gegen eine Regierungsauswahl Boliviens spielen. Präsident Morales brachte die Gäste 1:0 in Führung, am Schluss stand es dann aber 6:3 für uns (eine schweiz-bolivianische Auswahl und ich). Wie versprochen, schoss ich ein Tor, das entscheidende 4:2. Aber ich kam nicht wirklich ins Spiel, zeitweise fühlte ich mich wie die Degen-Zwillinge, doch ich möchte mich bei den Schweiz-Bolivianern trotzdem bedanken, dass ich wenigstens mitrennen durfte. Ein bisschen mehr abspielen, das nächste Mal, gell, aber gegen den Präsidenten wollte natürlich jeder ein Tor schiessen, obwohl die anwesenden Auslandbolivianer in Zürich ihn alle zu lieben scheinen.
Die Niederlage nahm Morales gelassen: "Wir haben gezeigt, dass wir auf 6000 Metern Fussball spielen können, auf 4000, auf 3000 oder, wie hier in Zürich, auf 300." Das Spiel sei hart gewesen, er hätte gestern fast nicht geschlafen.
Die Bolivianer vertrauten auf ihre Mittelachse: In der Verteidigung Sicherheitschef General Orellana, im Mittelfeld Sportminister und Ex-Internationaler Milton Melgar, im Sturm, logischerweise, Präsident Morales. "Perdon, mi presidente!", "Perdon, mi general" - wenn ein Zuspiel nicht klappte, war der fehlbare Spieler so höflich, wie ich das noch nie erlebt hatte. Alle behielten nach der Niederlage ihren Job.
Gegen Ende der ersten Halbzeit waren verschiedene Medienvertreter nach Schmiede-Wiedikon gekommen, als erster der Fotograf von Blick, dann der Reutersfotograf. Gegen Mittag, im Volkshaus, war dann auch der Tagi dabei, gegen Abend berichtete schliesslich 20 Minuten in der Online-Ausgabe "exklusiv" über den Anlass.
Noch am Nachmittag, keine 18 Stunden nach seiner Ankunft in Zürich, war Evo Morales mit dem von Hugo Chavez geborgten Privatflugzeug wieder auf dem Rückflug - so schnell hat keiner Sepp Blatter je umstimmen können. In der offiziellen Verlautbahrung wird es vermutlich heissen: "Sepp Blatter überzeugte Evo Morales, doch weiterhin auf über 2500 Metern Fussball zu spielen. Morales akzeptierte den Vorschlag Blatters."
Das Beeindruckendste am Fussballer Morales: Auch beim Stand von 6:3 für uns hielt er seine Spriessen rein, schonte sich nicht und suchte den Sieg bis zum Schluss. Eine Tomate am rechten Oberschenkel wird mich an den Einsatz des Präsidenten erinnern. Wenn der so politisiert wie er spielt, dann walzt er in Südamerika alles platt. Nach dem Match zog er sich auf der Ersatzbank um, umzingelt von Kindern, Müttern, Genossen, Fotografen, Stadtpolizisten. Sein rechter Zehennagel ist blau - klares Zeichen, dass er es als Fussballer ernst meint. Ein Mann des Volkes, wahrlich!

Juni 28, 2007, 11:20 nachm.
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Kommentare

WdG. Lass wieder Buchstaben statt Bilder sprechen. Gruss an Blaise - WdG's Ritterschlag - N'Kufo.

Kommentiert von: Visualisierer | 29.06.2007 23:57:31

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