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28. Juni 2007

Match gegen Evo Morales

Morgen um 8.30 Uhr spiele ich in Schmiede-Wiedikon gegen Evo Morales, den Präsidenten Boliviens. Ich erhielt das Aufgebot vor einer halben Stunde, im Hotel Züriberg am Züriberg. Eigenlich wollte ich ein Interview mit Morales, 47, aber weil er sauer war auf ein paar mitgereiste bolivianische TV-Journalisten, die seit Monaten kritisch über ihn berichten, sagte er die kurzfristig angekündigte Pressekonferenz ebenso kurzfristig wieder ab. "Meine Freunde der internationalen Presse", liess Boliviens Präsident ausrichten, "lade ich aber Moralesganz herzlich ein zum morgigen Fussballspiel." Da ich Morales' einziger Freund der internationalen Presse bin, da als einziger der internationalen Presse im Hotel Züriberg anwesend, ist es eine Art persönliche Einladung, die ich nicht ablehnen kann. Drum gehe ich jetzt gleich ins Bett. Vorher aber noch eine kurze Erklärung, wie's dazu kam:
Meine Mutter, die für ein paar Tage zu Besuch ist (ich hab sie wieder schamlos ausgenützt), hatte Gnocchi gemacht für Wewo-Kollegen, dich ich zum Nachtessen eingeladen hatte. Franziska K. Müller, Bruno Ziauddin, Simon Brunner und Mark van Huisseling - ich hatte mich mit ihnen am Nachmittag im Terrasse getroffen, um über Themen zu sprechen, die wir in den kommenden Wochen im Blatt haben möchten. Alles Hammerthemen! Doch der Hammer kam nach den Gnocchi (spitzenmässig, Mamma!), kurz vor dem Grappa. Am Telefon ein Bekannter aus der Entourage von Morales. Der Präsident sei eben in Zürich gelandet, gegen 23.30 Uhr stehe er für ein kurzes Interview zur Verfügung.
Gestern noch hatte Morales zusammen mit dem Präsidenten Venezuelas, Hugo Chavez, und Diego Armando Maradona die Copa America offiziell eröffnet. Dannach war er in das Privatflugzeug von seinem Freund Chavez gestiegen mit Kurs auf Zürich. Morgen gegen 11 Uhr will er am Fifa-Hauptsitz am Zürichberg Sepp Blatter davon überzeugen, die neue Fifa-Regel, die offizielle Spiele über 2500 Metern verbietet, wieder rückgängig zu machen. Zuvor will er Fussball spielen, gegen eine Auswahl von Schweiz-Bolivianern, verstärkt durch andere Südamerikaner aus Zürich und den "Freunden der internationlen Presse", also ich.
Boliviens Präsident hätte auch auf dem Fussballplatz der Fifa spielen können, doch er lehnte ab, weil ihm das zu elitär ist, er will "unters Volk", wie er sagt, also nach Schmiede-Wiedikon.
Ich konnte kurz mit einem meiner morgigen Gegner sprechen, mit José Milton Melgar, 47, Vize-Sportminister. Melgar war als Profifussballer an der WM 1994, insgesamt bestritt er 89 Länderspiele für Bolivien (6 Tore), ein harter Brocken, den ich hoffentlich nicht decken muss morgen.
"Herr Melgar, haben Sie zusammen mit dem Präsidenten vorletzte Woche tatsächlich auf über 6000 Metern Fussball gespielt?"
"Ja, das stimmt. Das war kein Trick. Wir wollten zeigen, dass es durchaus möglich ist, auf grosser Höhe zu spielen."
"Theoretisch könnte Köbi Kuhn also auf dem Matterhorn spielen?"
"Absolut. Sehen Sie, es ist ein sportpolitischer Entscheid der Fifa, keine Spiele mehr zu erlauben auf über 2500 Metern. Es wird ja auch bei Minustemperaturen gespielt, bei grösster Hitze, bei Regen und Schnee und Wind. Wieso also nicht auf einer Höhe von über 2500 Metern? Über 50 Prozent der Fussballplätze in Bolivien befinden sich auf dieser Höhe."
"Was werden Sie machen, wenn Sepp Blatter nicht auf die Forderungen Boliviens eingehen wird?"
"Er wird auf unsere Forderungen eingehen müssen."
"Aber was, wenn er's nicht macht?"
"Wir werden nichts unversucht lassen, die Fifa-Regel wieder rückgängig zu machen. Präsident Morales kann sehr überzeugend sein."
"Stimmt es, dass Sepp Blatter den Präsidenten nicht empfangen wollte?"
"Nein, das stimmt nicht. Schon Ende Mai war ein Treffen vereinbart worden, nur der Zeitpunkt stand noch nicht fest."
"Ist es nicht ein bisschen übertrieben, wenn der Präsident Boliviens eigens wegen einer Fifa-Regel nach Zürich fliegt?"
"Fussball ist ein Volkssport, und Evo Morales ist ein Volkspräsident."
"Er wurde vor einem Jahr mit 54 Prozent der Stimmen gewählt - das ist nicht überwältigend."
"54 Prozent sind mehr als die Hälfte, nicht?"
"Werden auch Sie morgen in Schmiede-Wiedikon spielen?"
"Selbstverständlich. Im Mittelfeld. Und Sie?"
"Ich werde versuchen, Tore zu schiessen. Gelingt mir allerdings seit ein paar Jahren nicht mehr so gut."
"Geht mir gleich."
"Auf welcher Postition spielt der Präsident?"
"Er trägt die Nummer 10, er ist überall auf dem Spielfeld anzutreffen."
"Dann geh ich jetzt mal schlafen."
"Ich geh noch was essen. Jetlag. Bis morgen."

Juni 28, 2007, 02:21 vorm.
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Kommentare

hoffe über dieses interessante spiel noch einen schönen bericht lesen zu können...

Kommentiert von: justus | 28.06.2007 12:35:16

Hey WdG, warum hast du deinen Chef nicht eingeladen, den Roger Köppel? Magst Du ihn etwa nicht. Oder mag ihn Deine Mutti nicht? Wenn ihr schon über die Zukunft der WeWo "filosofiert" sollte doch der Big Boss dabei sein. Pro Ausgabe ein kritischer Fussballbericht wäre wünschenswert! Boliviens Präsident weiss wenigstens eines: Fussball ist Volkssport! Die Mehrheit der Leute interessiert sich wesentlich stärker für Fussball als für Politik beispielsweise. (Obwohl Fussball ja auch 'ne Art Politik ist...). In diesem oder anderem Sinne, mach weiter so WdG!

Kommentiert von: travis | 28.06.2007 09:34:17

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