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29. März 2007

Kleine Ehrenrettung für Pierre Benoit

Pierre Benoit, seit zwölf Jahren Pressechef, muss für alle Pannen im Schweizer Fussballverband herhalten, für die eigenen und die fremd generierten. Seit der Spuckaffäre Frei an der EM 2004 in Portugal sei die Luft für ihn dünn geworden im Verband, heisst es in der Branche. Er selber wollte sich auch in Florida nicht mehr dazu äussern: „Ich versuche meinen Job so gut wie möglich zu machen.“ Er schafft es nicht immer, wie auch die Reise in die USA zeigte.

Pierre Benoit ist ein lieber Kerl, er will es allen gut machen, den Journalisten, den Spielern und den Verbandsleuten. Das geht nicht. Dieser sympathische, wenn auch für seinen Job wenig vorteilhafte Charakterzug ist der Grund für Benoits inneren Konflikt, mitnichten die Ursache für all die medialen Pannen, für die der liebe Berner gerade stehen muss. Würde man ihn feuern, es änderte sich nichts in Seldwyla. Der Delegeirte der Nationalmannschaft Lämmli erinnert nur dem Namen nach an Agnelli, und die Absetzung des Präsidenten Zloczover hatte seinerzeit schon die von Andy Egli geführte Fussballergewerkschaft Profoot zurecht verlangt, vor über zehn Jahren.

Ein paar Fragen: Ist es Aufgabe des Pressechefs, dem Trainer zu sagen, dass er während einer offiziellen Pressekonferenz, auch wenn gegen eine "Gurkentruppe" ("Blick") wie Jamaika, keine Bierdose in Händen halten soll, auch nicht unter dem Tisch? Kann man es dem Pressechef anlasten, wenn der Nationaltrainer seinen langjährigen Captain feuert und die Details des Telefongesprächs noch brühwarm dem "Blick" liefert? Ist es die Schuld von Benoit, wenn Lämmli und Zloczover den Trainer öffentlich kritisieren, dann wieder verteidigen, um ihn hinten rum wieder zu kritisieren? Soll der Pressechef der Frau des Trainers verbieten, dessen Agenda zu führen? Ja, eigentlich sollte er es Donna Alice verbieten, in Zürich-Wiedikon die Pressetermine ihres Köbi zu koordinieren, und verlangen, dass alles über seine Medienstelle läuft. Aber der liebe Pierre Benoit macht es nicht und ebenso wenig würde es irgendein anderer Pressechef machen, denn Donna Alice würde es sich verbieten, dass man ihr vorschreibt, mit wem ihr Köbi reden darf und mit wem nicht.

Die Affäre Frei an der EM 2004 war der mediale Super-Gau schlechthin. Benoit wusste, dass Frei seinen Gegenspieler angespuckt hatte, doch er wusste auch, dass es keine Fernsehbilder dazu gab. Zumindest hatte man ihm das beim Schweizer Fernsehen so versichert. Also log er, um den Spieler zu schützen, der gesperrt worden wäre: „Nein, Frei hat nicht gespuckt.“ Jeder Pressechef in Italien oder Spanien hätte das Gleiche getan. Als das Schweizer Fernsehen die Bilder mit der Spuckszene schliesslich fand und dann auch zeigte, war Benoit der „Arsch der Nation“, wie er seinerzeit resigniert sagte. In Bern wurde er noch Wochen nach der Spuckaffäre Frei, die zu einer Affäre Benoit geworden war, von wildfremden Menschen angepöbelt. „Es war auch für meine Familie eine schlimme Zeit“, sagt Benoit. Der Mann hingegen, der gespuckt hatte, war nach der Sperre, die er nachträglich bekam, schnell rehabilitiert und ist seit dieser Woche neuer Captain der Schweizer Nationalmannschaft.

März 29, 2007, 09:54 vorm.
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Kommentare

Kleine Klugscheisserei: Die letzte EM in Portugal fand 2004 statt, nicht 2002. Ansonsten möchte ich mich den bisherigen Lobeshymnen anschliessen, sehr interessante Artikel, ein wenig aus einem anderen Blickwinkel, leider tatsächlich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zumindest den spärlichen Kommentaren nach zu beurteilen. Bleiben Sie dran.

Kommentiert von: RoughDog | 29.03.2007 14:21:17

Zwei tolle Beiträge. Machen Sie weiter, bitte, bitte!

Kommentiert von: zuffi | 29.03.2007 12:01:09

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